Exklusiv-Interview: Selina Hocke und die Reise zur Profischwimmerin


Frage: Die Reise zur Profisportlerin ist sicherlich mit Beschwerden verbunden. Was stellt die größte Hürde dar, bis man dieses Ziel erreichen kann?

Selina Hocke: Ich bin nicht sicher, ob es die eine große Hürde gibt. Natürlich spielt es eine große Rolle wie ehrgeizig, motiviert und diszipliniert man ist. Man muss das alles wollen. Was aber oft vergessen wird, finde ich, sind die Dinge, die mit der Person selbst eigentlich nichts zu tun haben. Je nachdem, wo man aufwächst, muss man nun einmal mit den gegebenen Möglichkeiten vorliebnehmen. Ich hatte Glück, dass ich in Berlin geboren bin und dort ab der 1. Klasse schon auf die Sportschule gehen konnte, sodass ich mich zu keinem Zeitpunkt zwischen Sport und Schule entscheiden musste. Das ist leider eher selten der Fall. Eine große Hürde ist also die Realisierung von ausreichend Engagement im Sport, ohne die Schule zu vernachlässigen und andersrum.

Frage: Wie lange und wie oft trainieren Sie, um in Form zu bleiben?

Selina Hocke: In der Woche sind es 10 Wassereinheiten von +/-2h (also Schwimmen), 5-6 Landeinheiten von 1h (Kraftraining, Stabitraining, Zirkeltraining, Ergo, Verletzungsprävention, Reha etc.) und individuell zu Hause Dehnung/ ausrollen (z.B. abends), Yogakurs am Sonntag etc.

Frage: In Zeiten der Corona Pandemie fällt das Trainieren schwer. Wie halten Sie sich heute fit?

Selina Hocke: Jetzt wo alle Fitnessstudios, Sport- & Schwimmhallen geschlossen sind, muss man versuchen zu Hause so viel wie möglich zu realisieren. Wichtig finde ich Stabitraining vor allem für die Schultern und den Rumpf und mit Dehnung (Yoga) die generelle Flexibilität & Mobilität erhalten. Dann natürlich die Klassiker wie Joggen, Fahrradfahren, Skaten etc., aber allein und mit genügend Abstand.

Frage: Welchen Traum wollen Sie sich als Sportlerin unbedingt erfüllen?

Selina Hocke: Natürlich waren das immer die Olympischen Spiele. Das Ziel ist nun leider einigermaßen außer Reichweite geraten, da ich aufgrund mehrerer OPs und gesundheitlicher Tiefs in den letzten 2,5 Jahren kaum länger als ein paar Monate am Stück trainieren konnte. Glücklicherweise konnte ich mit 16 Jahren immerhin schon mal bei einer Weltmeisterschaft für Deutschland an den Start gehen. Und auch außerhalb von persönlichen Erfolgen liefert der Leistungssport einige unvergessliche Erinnerungen.

Frage: Gibt es bestimmte Schwimmhallen, in denen Sie besonders gerne trainieren?

Selina Hocke: Als ich jünger war, sind wir mit der Trainingsgruppe einige Male im Trainingslager auf Teneriffa gewesen. Vom Beckenrand aus konnte man das Meer sehen. Unter der freien Sonne in einem guten Becken zu schwimmen, macht es meistens ein bisschen leichter durch das Trainingsprogramm zu kommen. In Deutschland ist die beste Schwimmhalle ziemlich sicher die Schwimm- und Sprunghalle im Europasportpark in Berlin. In den Ferien durften wir dort nach dem Training manchmal vom Zehner springen.

Frage: Welche Trainingseinheiten sind in Ihrem Trainingszyklus besonders wichtig?

Selina Hocke: Trainingszyklus = 1 Woche: Das ist von Trainer zu Trainer unterschiedlich, bei meinem letzten Trainer waren es oft die Donnerstagabend- und die Samstagfrüheinheit, in denen wir besondere Tests schwimmen mussten, obwohl es natürlich keine unwichtigen Einheiten gibt (; Montag, Mittwoch und Freitag ist immer Krafttraining, was meist ein bisschen wichtiger war als z. B. die Stabi-Einheiten.

Trainingszyklus = 1 Saison: Die Einheiten, die in den verschiedenen Trainingslagern geschwommen werden, sind oft in ihrer Belastung zeitlich genau auf den Abstand zum Wettkampfhöhepunkt angepasst. So zum Beispiel in Höhentrainingslagern, um den gewünschten Effekt auf die Leistung zum richtigen Zeitpunkt zu haben. Manchmal waren wir für sehr harte Trainingswochen auch auf Klimalehrgängen z.B. auf Mallorca oder Zypern, wo das warme Klima die Anstrengung für den Körper abdämpfen und Erkältungen etc. vorbeugen soll.

Frage: Welchen Schwimmstil bevorzugen Sie und wie haben Sie Ihre Wahl getroffen?

Selina Hocke: Meine Schwimmart ist Rückenschwimmen. Wirklich gewählt habe ich das nicht. Das tut niemand so richtig. Es kommt irgendwie ein Zeitpunkt, an dem man einfach merkt, dass man in einer oder mehreren der Schwimmarten weiter vorne mit dabei ist als in anderen. Rückblickend könnte ich gar keinen Zeitpunkt mehr benennen, an dem Rückenschwimmen meine Schwimmart geworden ist.

Frage: Derzeit gibt es Diskussionen über die Olympischen Spiele 2020. Sollten Sie Ihrer Meinung nach wegen der Corona Pandemie verschoben werden?

Selina Hocke: Inzwischen wurde bereits bestätigt, dass die OS nach 2021 verschoben werden. Sie für dieses Jahr abzusagen, war sicher richtig.

Frage: Auch abseits des Beckens haben Sie Ziele. Welchen Beruf streben Sie an, den Sie vielleicht auch nach Ihrer Karriere in Betracht ziehen?

Selina Hocke: Im Moment mache ich meinen Bachelor in Psychologie an der Universität Mannheim. Ich würde danach gerne den Master in klinischer Psychologie machen und anschließend die Therapeutenausbildung. Aber hundertprozentig bin ich da auch noch nicht sicher.

Frage: Nun nehmen Sie auch an einem Projekt im Zusammenhang mit der Bühnenarbeit teil. Was erwarten Sie sich hiervon und was wünschen Sie sich?

Selina Hocke: Ich erwarte ehrlich gesagt einige Herausforderungen, da ich keine Erfahrung mit Theater oder Schauspiel habe. Aber genau das ist, was es auch aufregend macht. Im Sport begegnet man ständig Herausforderungen, die entweder etwas mit dem Erreichen und Überwinden körperlicher Grenzen oder Zeitmanagement zu tun haben. Was in diesem Projekt auf mich zukommen wird, ist sicherlich komplett anders und wird mir vielleicht einige neue Dinge aufzeigen. Ich freue mich am meisten darauf Neues zu lernen und Menschen zu treffen, die auf ganz andere Weise „Leistung“ bringen.